Ana Jotta, Temporary Gallery Köln


Ausstellungsansicht Temporary Gallery, Foto: Simon Vogel, Köln



Vom 22. April bis 27. Juli 2018 zeigt die Temporary Gallery in Köln erstmals Werke der portugiesischen Künstlerin Ana Jotta (geboren 1946 in Lissabon) in Deutschland. Ihre Einzelausstellung „DAS – IST – DAS ?“, die von Regina Barunke und Miguel Wandschneider kuratiert wurde, umfasst eine Auswahl aktueller und älterer Arbeiten sowie eine für den Ort neuentstandene Wandmalerei, die zugleich Teil einer fortlaufenden Serie sogenannter „Farbproben“ ist.



Zentrales Werk der Ausstellung ist die Stoffarbeit „fala-só“ (ein veralteter portugiesischer Ausdruck für ‚Selbstgespräch’), die zwischen 2014 und 2017 entstanden ist. Über vierzig Meter spannt sich der Stoff, erstmals in nahezu voller Länge zu sehen, durch die Ausstellungsräume und ermöglicht Schritt für Schritt entlang einer Figurenreihe, die auf dem blauen Textil zu sehen ist, und der im Raum ausgestellten Arbeiten Einblicke in das außerordentlich vielschichtige und vielgestaltige Oeuvre der Künstlerin. Dargestellt ist die flüchtig umrissene Figur eines Arbeiters, der eine Glasscheibe unter dem Arm trägt. Die Wiederholung des Motivs als Bewegungsabfolge mag – verstärkt durch die Projektionsleinwände in der Ausstellung (die Jotta wiederum als Leinwand ihrer Malereien verwendet) – Assoziationen an einen stark vergrößerten Filmstreifen hervorrufen und dabei eine versteckte Anspielung auf das immer wieder auf Film ausgerichtete Programm der Temporary Gallery sein. Daneben findet sich in der Ausstellung ein Wandkalender, dessen Blätter jeweils das gleiche Bild zeigen, eine Reihe nicht-figürlicher, genähter Lederobjekte, eine Stoffarbeit mit Stickereien aus dem Jahr 1994 (das älteste Stück der Ausstellung) sowie ein kleines Ensemble aus j-förmigen Fundstücken („Colecção de Jotas #6“). Mit dieser äußerst disparaten künstlerischen Herangehensweise widersetzt sich Jotta nicht nur bewusst jedem Versuch einer Klassifizierung ihres Werkes nach Chronologie, Medium oder Material, Thema oder Genre. Sie unterläuft auch gängige Vorstellungen von Autorschaft und Originalität, was sich humorvoll in ihren „Signatur“-Stücken (wie den oben genannten) ausdrückt, und in der Art und Weise, wie sie ihre Werke unter Verwendung des Copyright-Symbols mit einem (j) anstelle des (c) signiert – als ein Spiel mit der grafischen und homophonen Äquivalenz zwischen dem Buchstaben „j“ und ihrem Nachnamen („j“, im Portugiesischen als „jota“ ausgeschrieben, spricht sich exakt wie ihr Nachname aus).


Ana Jottas künstlerische Praxis gründet sich so auf verschiedenen, auf Anhieb nicht immer gleich wiedererkennbaren Aneignungsweisen, durch die eine Fülle von Abbildungen und Objekten, von Quellen und Referenzen aus Hochkultur und Volkstümlichem verdaut, rekontextualisiert und schließlich in das eigene Werk eingespeist werden. Wie die Titel ihrer Ausstellungen und Arbeiten deutlich machen, spielt ihr feinsinnig-gewitzer Umgang mit Sprache in ihrem Schaffensprozess eine entscheidende Rolle. Man könnte sogar sagen, dass dieser Prozess durch die Sprache, sei es in Form von Klischee-Zuschreibungen, Wortspielen oder Zitaten, geradezu ausgelöst und angefacht wird: „Ein Amateur sollte sagen: Ich habe kein literarisches Interesse, aber ich bin aus Literatur gemacht, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.“ (Jotta)


Der Titel der Ausstellung „DAS - IST - DAS ?“ ist ein Wortspiel, das etymologisch auf den französischen Begriff „Vasistas“ zurückgeht. So bezeichnet werden kleine Fenster über Hauseingängen, durch die im 18. Jahrhundert deutsche Bewohner den einmarschierenden französischen Soldaten auf der Straße: „Was ist das?“ zugerufen haben sollen und so den Fenstern ihren Namen gaben.

Text: Temporary Gallery



Ausstellungsansicht Temporary Gallery, Foto: Simon Vogel, Köln



Über Ana Jotta


Ana Jotta ist 1946 in Lissabon geboren und lebt dort. Von 1965 bis 1973 studierte sie an der Kunsthochschule in Lissabon und der École d'Arts Visuels et d'Architecture de l'Abbaye de la Cambre in Brüssel und arbeitete danach zunächst als Schauspielerin und Bühnenbildnerin mit der Theatergruppe „Produções Teatrais“ am Universitätstheater Lissabon. In den 80er Jahren nahm sie, abgesehen von zwei Aufträgen als Bühnen- und Kostümbildnerin für die Filme „Conversa Acabada“ von João Botelho und „Silvestre“ von João César Monteiro (letzter wurde auf den 38. Filmfestspielen in Venedig gezeigt), ihre künstlerische Arbeit wieder auf: 2005 präsentierte das Serralves Museum in Porto die Retrospektive „Rua Ana Jotta“ und 2014 Culturgest in Lissabon die Ausstellung „A Conclusão da Precedente“. Jotta wurde für ihren „klaren und unbeirrten Blick auf die Kunst“ mit dem Rosa-Schapire-Kunstpreis der Hamburger Kunsthalle ausgezeichnet (2017), sowie zuvor mit dem Prémio AICA (2014) und dem Grande Prémio Fundação EDP Arte (2013).
Ana Jottas künstlerisches Werk generiert sich aus einer Folge von Brüchen, die eine Art von Demontage bzw. Auslöschung ihrer vorherigen Schritte beinhalten, aus modernistischer Ideologie und postmodernistischen Mythologien und dem Begriff der Autorschaft – indem sie diese entweder dekonstruiert oder wiederherstellt. Jotta experimentiert mit einem breiten Spektrum an Medien (Malerei, Skulptur) und Techniken, die traditionell den ‚niederen Künsten’ (Stickerei, Keramik etc.) zugerechnet werden. Sie näher tsich ihrer Arbeit dabei häufig durch Mittel der Aneignung. Über die Jahre hat sie ein Sammelsurium verschiedenster Objekte und Drucksachen zusammengetragen, die in ihrem Werkprozess eine wichtige Rolle gespielt haben. Radikal vielgestaltig, sowohl einfach als auch gekonnt, zeigt ihre Arbeit einen großen Sinn für Intelligenz, Sensibilität und Witz und entzieht sich so jeglicher Klassifizierung.

Text: Temporary Gallery



Ausstellungsdauer: 22. April bis 27. Juli 2018

Temporary Gallery

Mauritiuswall 35, 50676 Köln

Die Ausstellung wird von der Kunststiftung NRW gefördert.



Ausstellungsansicht Temporary Gallery, Foto: Simon Vogel, Köln



Ausstellungsansicht Temporary Gallery, Foto: Simon Vogel, Köln



Ana Jotta, Nuvem, 2001, genähtes Leder, Ösen, 88 x 58 cm, Courtesy: die Künstlerin und Sammlung Luís Sáragga Leal, Lissabon, Foto: Laura Castro Caldas



Ana Jotta, Solteirona, 2001, genähtes Leder, Ösen, 42 x 32,5 cm, Courtesy: die Künstlerin und Fundação Luso-Americana para o Desenvolvimento, Lissabon, Dauerleihgabe an die Fundación Serralves, Porto, Foto: Laura Castro Caldas



Ausstellungsansicht Temporary Gallery, Foto: Simon Vogel, Köln



Ausstellungsansicht Temporary Gallery, Foto: Simon Vogel, Köln



Ana Jotta, Ohne Titel, 1994, Leinentuch, bestickt mit weißem und pinkfarbenen Garn, 101 x 98 cm, Courtesy: die Künstlerin und Laura Castro Caldas, Lissabon, Foto: Laura Castro Caldas



Ausstellungsansicht Temporary Gallery, Foto: Simon Vogel, Köln