Nil Yalter, Museum Ludwig Köln


Nil Yalter, Exile Is a Hard Job / Walls, 2018. Acryl auf Offset-Druck im öffentlichen Raum, Vietorstraße, Köln, Kalk © Nil Yalter, Foto: Henning Krause



Seit den 1970er-Jahren arbeitet Nil Yalter als Pionierin einer gesellschaftlich engagierten und technisch avancierten Kunst. Als eine der ersten Küstlerinnen in Frankreich nutzt sie das neu aufkommende Medium Video. Nil Yalter ist 1938 in Kairo geboren, aufgewachsen in Istanbul und seit 1965 wohnhaft in Paris. Mit der ersten Überblicksausstellung der Künstlerin in Deutschland präsentiert das Museum Ludwig die Vielfalt ihres Schaffens: darunter bislang kaum bekannte Gemälde aus ihrem Frühwerk sowie Videoinstallationen der früen 1970er-Jahre bis hin zu Multimedia-Installationen, in denen sie Fotografie, Video, Zeichnungen und Skulptur zu Collagen verbindet. Die Ausstellung zeichnet den Weg ihrer engagierten Ästhetik nach.


Nil Yalters Werke entstehen aus aktuellen politischen Situationen wie der Verurteilung zum Tode eines tükischen Aktivisten, dem Alltag in einem Frauengefängnis oder der Lebenssituation analphabetischer „Gastarbeiter*innen“. Sprache spielt für Nil Yalter eine wichtige Rolle, ebenso wie kulturelle Einflüsse aus dem Nahen Osten, der Türkei und Westeuropa. Sensibel integriert sie die Stimmen derjenigen, die sie in ihren Arbeiten porträtiert. Mit quasi-anthropologischer Methodik spiegelt sie die Lebenssituation der Dargestellten und macht marginalisierte Personengruppen sichtbar. Schon in den 1970er-Jahren beschäftigte sich die Künstlerin mit feministischen Fragestellungen, in die auch migrantische und queere Perspektiven miteinfließen. Hierdurch erscheint ihr Werk heute aktueller denn je.


Für ihre Ausstellung im Museum Ludwig wird die Posterserie "Exile Is a Hard Job / Walls" im Stadtraum von Köln fortgeführt. Die tapetenartig angeordneten Zeichnungen und Fotos von türkischen Einwanderern aus ihrer Arbeit "Turkish Immigrants" von 1977 werden ohne Autorisierung in verschiedenen Stadtvierteln aufgehängt. Den Slogan „Exil ist harte Arbeit“ schreiben die Künstlerin oder die Bewohner*innen auf die Poster, in der Sprache, die im jeweiligen Viertel vorrangig gesprochen wird: Deutsch, Türkisch, Arabisch, Russisch, Polnisch. Die Arbeit ist von und für Migrant*innen, deren Existenz gleichzeitig so offensichtlich und doch abwesend ist.


Als Pantomime-Künstlerin reiste Nil Yalter von 1956 bis 1958 in den Iran, nach Pakistan und Indien. Von 1963–1964 arbeitete sie als Bühnenbilderin und Kostümdesignerin an diversenTheatern in Istanbul und konzentrierte sich zunehmend auf die Malerei. 1965 ging sie nach Paris, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Ihre erste Einzelausstellung hatte sie 1973 im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris. Entlang ethnologischer und soziologischer Fragestellungen untersuchte die Künstlerin die Position der Frau in der turkmenischen Nomadengesellschaft. Begleitend zu "Topak Ev", einem eigens nachgebauten Zelt, schuf sie Wandtafeln mit Zeichnungen und Fotokopien von Fotos und Texten, die das Leben der Nomad*innen widerspiegeln. Mit ihrer feministischen Videoarbeit "The Headless Woman or The Belly Dance" war sie 1974 in der ersten internationalen Ausstellung zur Videokunst in Frankreich vertreten und trat als Pionierin der französischen Videoperformance hervor.


Ihr Werk wurde in den letzten Jahren wiederentdeckt. Sie war beteiligt an der Wanderausstellung "Wack! Art and the Feminist Revolution", die u.a. im MOCA, The Museum of Contemporary Art, Los Angeles sowie im MoMA PS1, New York (2008) gezeigt wurde. Es folgten weitere Einzelausstellungen unter anderem im FRAC Lorraine in Metz (2016) sowie im Arter – Space for Art in Istanbul (2016).


"Nil Yalter. Exile Is a Hard Job" ist eine Ausstellung des Museum Ludwig in Kooperation mit dem Center for Curatorial Studies, Hessel Museum of Art, Bard College, Annandale-on-Hudson, New York. Die Ausstellung wird großzügig gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, der Kunststiftung NRW sowie der Peter und Irene Ludwig Stiftung. Des Weiteren wird sie unterstützt von SAHA – supporting contemporary art from Turkey und der Rudolf Augstein Stiftung. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Kuratorin: Rita Kersting


Text: Museum Ludwig



Installationsansicht, Nil Yalter. Exile Is a Hard Job, Museum Ludwig, Köln 2019 © Nil Yalter, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln / Jonas Klein



CI: Ihre künstlerischen Arbeiten haben mich fasziniert und zu einigen Gedanken angeregt, die ich als Schlagworte auf Karteikarten geschrieben habe:


Zusätzliche Arbeit (extra work)

Sprache

Exil

Zeit („wir haben viel Zeit verloren“)

(sich) das Leben (erarbeiten) (ökonomisch, kulturell, als Mensch)

Transformation

weiblich/Frau

Leidenschaft (sich erlauben, beeindruckt zu sein; etwas erschaffen; Sein)

Sich-selbst-sein

Menschlichkeit/Menschheit (Verlegenheit/Scham, Schmerz, menschliche Narrative)

Übergang

Besitz/Verlust/Neubeginn

Migration/Flucht



NY: Das ist eine besondere Weise, ein Interview vorzubereiten, das gefällt mir!



CI: Mich würde interessieren, wie und weshalb Sie sich dazu entschieden haben, sich in Ihrer künstlerischen Arbeit auf Menschen und ihr Recht auf sowie ihr Bedürfnis nach Freiheit zu fokussieren? Was war für Sie ausschlaggebend, sich mit diesen Themen zu befassen?



NY: Ich denke, das war meine eigene Freiheit: Die Frage, wie ich als Frau meine eigene Freiheit erlangen konnte. Als ich 15 Jahre alt war, waren meine Mutter und meine Großmutter Feministinnen. Sie erzählten mir von den Kämpfen als Frau und dass wir in unserem Handeln nicht frei wären. Ich war nicht rebellisch, aber ich wollte frei sein, um über mein Tun zu entscheiden. Ich habe immer Lösungen gefunden, ohne dafür nach unmöglichen Dingen zu fragen: Es geht darum, durch sich selbst frei zu werden!



CI: Im Hinblick darauf, wie Sie sich mit dem Leben von Migrant*innen in Ihren Arbeiten befassen, habe ich über den Aspekt der „zusätzlichen Arbeit“ (extra work) nachgedacht. In Ihrem Video „Diyarbakır“ (2005) berichtet eine analphabetische Frau aus ihrem alltäglichen Leben, sie sagt: „Wir haben viel Zeit verloren“ (Orig. „We have lost a lot of time“) – eben weil sie eine Migrantin ist.



NY: Sie ist unglaublich. Sie sagt auch: „Wir können noch nicht mal einen Bus nehmen, wir können nirgendwo hingehen, weil wir nicht lesen können.“ Wir nehmen es als selbstverständlich an, lesen und schreiben zu können, aber wir haben überhaupt keine Idee davon was es heißt, als erwachsene Frau weder lesen noch schreiben zu können. Es ist einfach nur schrecklich. Wenn Menschen in ein neues Land kommen und ihr Leben von vorne beginnen müssen, ist das selbstverständlich „zusätzliche Arbeit“ – ich habe in dieser Weise noch nicht darüber nachgedacht. Es ist „zusätzliche Arbeit“, die aber nie beginnt, eine eigentliche oder eigenständige Arbeit für diese Frauen zu werden. (Ihre) Männer haben Arbeit. Sie sehen sich im Café, aber ihre Frauen und Kinder bleiben zu Hause, wie in der Stadt Diyarbakır, die in der östlichen Türkei gelegen ist. Diese Frauen sprechen nicht die Sprache des Landes, das sie dazu eingeladen hat, in ihm zu leben (es gibt dort nicht ein derartiges Bemühen, ihnen die Landessprache beizubringen, wie dies in Deutschland geschieht, wo das gut organisiert ist). Diese Frauen wollen „zusätzliche Arbeit“ verrichten, um Teil der neuen Gesellschaft zu sein, in der sie leben. Aber wenn sie ihre Sprache nicht sprechen und auch nicht erlernen können, wie können sie dann diese „zusätzliche Arbeit“ verrichten?

Ich habe mancherorts Frauen gesehen, die durch Einsamkeit wahnsinnig geworden sind. Ein Beispiel: Der Mann geht zur Arbeit, die Frau ist allein und hat ihre Muttersprache regelrecht vergessen – soetwas ist tragisch. Diese Frauen sind bereit, „zusätzliche Arbeit“ zu verrichten, aber niemand gibt sie ihnen.



Nil Yalter, Turkish Immigrants, 1977 (Detail) Zwei 3-teilige Collageserien: Fotografie und Bleistift auf Papier; 5-teilige Collageserie, Fotografie und Bleistift auf Papier Detail: Fotografie und Bleistift auf Papier je 51,5 x 35,5 cm, Sammlung Reydan Weiss © Nil Yalter, Foto: espaivisor, Valencia



CI: Sie geben diesen Menschen eine Stimme, wie in ihrer Arbeit „Turkish immigrants“, eine Serie aus Videos, Fotografien und Zeichnungen, die Sie zwischen 1977-2016 angefertigt haben. Sie zeigen die Menschen, wie sie sind, und geben ihnen etwas zurück, indem Sie ihnen Ihre Aufmerksamkeit schenken.



NY: Ich verwende Video so, dass ich ihnen Raum gebe, um sich auszudrücken und selbst darzustellen. Das ist das Großartige an dem Medium Video: Ich zeige sie direkt und unmittelbar, das ist fantastisch. Ich habe sie nicht unterbrochen, ich höre noch nicht einmal meine Fragen... Ich sagte ihnen: Sprecht über das, was euch wichtig ist, zu sagen.



Installationsansicht, Nil Yalter. Exile Is a Hard Job, Museum Ludwig, Köln 2019 © Nil Yalter, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln / Jonas Klein



CI: Sie setzen dies auch mit einem spezifischen Fokus auf Sprache/Muttersprache um, wie in Ihrem fortlaufenden Poster-Projekt „Exile is a hard job“, das Sie 2012 begonnen haben. Es gibt aktuell eine Vielzahl an Postern im öffentlichen Raum in Köln und in Kölns Vororten...



NY: Vor einigen Monaten haben wir damit begonnen, diese Poster auf verschiedenen Flächen in unterschiedlichen Stadtteilen Kölns anzubringen. Es ist immer das gleiche Bild (eine fotografische Ansicht aus „Turkish immigrants“, 1977) und der gleiche Satz, „Exile is a hard job“, aber in unterschiedlichen Sprachen. Der Satz ist ein Zitat des bedeutenden türkischen Poeten Nâzim Hikmet, handgeschrieben von mir oder den Anwohner*innen – in ihrer jeweiligen Sprache. Köln ist die achte Stadt, in der ich diese Poster platziere. Ich werde diese Aktion in über 20 Städten weltweit durchführen, und es wird hierzu ein Buch geben, das überall kostenlos erhältlich sein wird.

Ich muss für diese Aktion noch nicht einmal in die jeweiligen Städte reisen. Vor vier Jahren beispielsweise habe ich das Foto an einen Kurator in Mumbai gesendet und er hat dort die Poster in zwei Sprachen übersetzt, in Hindu und ins Englische. Das Projekt geht kontinuierlich weiter und wird multipliziert durch Menschen, die mir schließlich Dokumentationsfotos aus den verschiedenen Städten zusenden, die ich in dem Buch versammeln werde.



Nil Yalter, D’APRES “STIMMUNG”, 1973, (Detail) 7 Collagen: Bleistift, Kreide, Draht, Kunststoff, Spielzeug, Gips, Haare, Fingernägel und andere Materialien auf Karton Detail: Draht Kunststoff (teils geschmolzen) auf Karton, Spielzeugsoldat (Kunststoff), Gewehr (Kunststoff), Spielzeugfigur Hitler (Kunststoff) je 63 x 83 cm oder 79,5 x 109,5 cm (gerahmt) Museum Ludwig, Köln, ermöglicht durch die Perlensucher, Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig e.V. © Nil Yalter, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln



CI: Wie können Kunst und Leidenschaft Menschen ermöglichen, ein kritisches Denken zu entwickeln und Freiheit auszudrücken? Diese Frage stellte sich mir, als ich Ihre Arbeiten „D’APRES STIMMUNG“ (1973) und „The Headless Woman or The Belly Dance“ (1974) gesehen habe – beide tragen ein großes Maß an Leidenschaft in sich. 



NY: Das haben Sie richtig erkannt. Diese beiden Werke folgen einander, sie sind vorwiegend intime Arbeiten und mit oder aus Leidenschaft entstanden. Ich war in Paris bei dem Konzert „STIMMUNG“ von Karlheinz Stockhausen: Ich war fasziniert, es ist für mich ein Meisterwerk. Ich habe seine Idee und seine Musik in Objekte und Grafiken übersetzt – eine (mit)reißende Leidenschaft! Ich kam von dem Konzert nach Hause und habe sofort mit der Arbeit begonnen. Aiolos: Wie kann man Wind zeichnen? Ich habe ein grafisches Werk nach Klang angefertigt und versucht zu verbildlichen, was Stockhausen durch Musik umgesetzt hat...



CI: Aber Sie haben auch einige politische Botschaften darin verarbeitet.



NY: Ja, das ist meine Leistung darin. Das thematische Spektrum ist groß: Religionen, weibliche Sexualität,...



Nil Yalter, D’APRES “STIMMUNG”, 1973, (Detail) 7 Collagen: Bleistift, Kreide, Draht, Kunststoff, Spielzeug, Gips, Haare, Fingernägel und andere Materialien auf Karton Detail: Draht Kunststoff (teils geschmolzen) auf Karton, Spielzeugsoldat (Kunststoff), Gewehr (Kunststoff), Spielzeugfigur Hitler (Kunststoff) je 63 x 83 cm oder 79,5 x 109,5 cm (gerahmt) Museum Ludwig, Köln, ermöglicht durch die Perlensucher, Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig e.V. © Nil Yalter, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln



CI: Nach meinem Empfinden zeigen Sie hiermit die Freiheit, die durch Leidenschaft hervorgehen kann, und wenn man dazu in der Lage ist, diese Freiheit zu leben, kann man sie auch als eine bestimmte Botschaft mit der Welt teilen. Sie ermutigen die Betrachter*innen ihrer Werke dazu, Freiheit zu leben.



NY: Die Künstlerin ist die Botschaft (The artist is the message)[1]. Meine künstlerische Laufbahn begann sehr erfolgreich mit „Topak Ev“ (1973): Ich zeigte dieses, durch weibliche Nomadenkultur inspirierte, Zelt in bedeutenden Museen, und alle dachten ich würde von nun an mein ganzes Leben lang Zelte umsetzen. Das ist nicht der Fall. Viele Jahre lang wollte niemand irgendetwas über Einwanderung oder Einwanderer hören, es war schwierig. Ich habe mein Werk über all die Jahre ausgestellt, manchmal in Gruppenausstellungen in Museen – ich wurde darunter vorwiegend in Deutschland anerkannt. Meine Botschaft wurde lange Zeit nicht gehört – jetzt ist die Zeit dafür gekommen, nehme ich an.



CI: Ich habe Ihre Botschaft erhalten und Ja, das denke ich auch. Mit Blick auf die Karteikarten: Möchten Sie noch etwas hinzufügen?



NY: „Menschlichkeit/Menschheit“, ich liebe dieses Wort. „(sich) das Leben (erarbeiten) (ökonomisch, kulturell, als Mensch)“...ökonomische Freiheit ist sehr wichtig für Frauen! „Migration/Flucht“...man flieht aufgrund ökonomischer Armut. Weshalb wandern Menschen aus? Weil sie keine Arbeit haben, außer in Kriegssituationen, dann ist der Grund die Gefahr. Diese Karten sind wundervoll. Ich liebe sie alle aber ich habe nichts mehr hinzuzufügen – es ist alles in meinem Werk enthalten.



[1] Dies ist ein Verweis auf Nil Yalters sprachbasierte Textarbeit „Cirular Rituals“ (1992).



Nil Yalter, Exile Is a Hard Job / Walls, 2018, Acryl auf Offset-Druck im öffentlichen Raum Wetzlarer Straße, Köln, Kalk © Nil Yalter, Foto: Henning Krause



Ausstellungsdauer:


Nil Yalter

"Exile Is a Hard Job"

9. März bis 2. Juni 2019


Museum Ludwig

Heinrich-Böll-Platz

Köln