Stephanie Thiersch/Mouvoir
mit Brigitta Muntendorf, Orchestre Les Siècles, Asasello Quartett:

Bilderschlachten


Mouvoir, Bilderschlachten, Foto: La French Focale



Die neue Produktion von Stephanie Thiersch / Mouvoir (Köln) denkt über Gefräßigkeit nach. Was passiert, wenn die Frage nach den Verhältnismäßigkeiten – nach dem wie viel und wie wenig – nicht mehr zu beantworten ist? Wenn wir in einem Referenzsystem von Bekanntem die Orientierung verlieren und das Schöpferische in Frage stellen? In Zusammenarbeit mit der Komponistin Brigitta Muntendorf, dem Asasello Quartett und dem renommierten französischen Orchester Les Siècles und 8 Tänzer*innen entsteht ein Ballett zum Ende der Welt, ein ballet noir, das zügellos in unserer Kulturgeschichte wildert. Das Monumentale und Verschlingende als Sinnbild für Macht und Patriarchat wird künstlerisch mit dem Versuch anstelle des Resultats, mit dem stillen, leisen Widerständigen verflochten. Thiersch und Muntendorf wollen mit „Bilderschlachten“ ein Nachdenken über den Zustand permanenter Überladung provozieren. Ausgangspunkt ist die exzellent komponierte Zitatenansammlung des Komponisten Bernd Alois Zimmermann „Musique pour le souper du roi Ubu“ von 1968, ein musikalischer Gefahrenraum der Maßlosigkeit, des Vulgären und der Machtanhäufung. Text: Mouvoir


Als Jubiläumsprojekt gefördert von der Kunststiftung NRW.



Bilderschlachten, Foto: Sandy Korzekwa






CI: Etwas, das mir beim Betrachten der „Bilderschlachten“ sehr stark aufgefallen ist: Das Ineinanderfließen des Opulenten und der Stille. Einerseits zeigen sich Figurinen, das Marionettenhafte und Übersteigerte, das durch den gekonnten Einsatz von Kostümen, Props und Licht im Zusammenspiel mit Choreografie und musikalischen Abfolgen inszeniert wird. Dem steht das Individuelle gegenüber, oftmals auch hervorgebracht in Soli: Gestik, Mimik, Laute, Atmen, Sprache, Gesang, auch das Wortlose findet Raum. Die „Bilderschlachten“ scheinen ein Mäandern zwischen den Extremen abzubilden. Welchen Bilderschlachten fühlen Sie sich ausgesetzt, was hat Sie zu dem Stück bewegt?



ST: Was mich besonders bewegt ist das anhaltende Thema der Bilderfluten, die uns umgeben. Wir als Menschen sind permanent in der Situation, sehr viel auszusortieren und bewerten zu müssen: Was sind relevante Informationen, die man sowohl übers Internet wie auch aus dem Stadtbild geliefert bekommt, was wollen wir daraus behalten, wo weiter einsteigen? Dieser fast schon alltägliche Prozess des „Löschens“ unterscheidet sich stark von dem Verfahren, sich aktiv für eine Sache zu interessieren, für die man selbst die Informationen sucht, wie z.B. in Bibliotheken oder Buchhandlungen. Zumeist gehen wir heute den umgekehrten Weg: Vom Vielen müssen wir ausdünnen. Dieser Prozess des Ausdünnens hat mich interessiert, wie auch die konsumorientierte Haltung, die dem voran steht und der wir in gewisser Weise auch ausgesetzt sind: dem Gefräßigen. Medien, Gefühle, Selbstinszenierung, Informationen der Politik, die Selbstoptimierung des Körpers ... es ist von allem immer viel ! Die politischen Charaktere, die sich aus dieser Gedankenwelt hervortun, werden sozusagen aus einem System „ausgestülpt“. Aktuell haben wir einige Charaktere, die uns spiegeln, was Gefräßigkeit und Vulgarität bedeuten ... vielleicht auch aus diesem „Viel“ heraus, in dem das „Gefakte“ neben dem sogenannten „Echten“ steht und zu einer Verwirrung führt, die so gelagert ist, dass wir uns ihr sehr bewusst sind: Denn wir wissen ja alle, dass wir angelogen werden, und wir nehmen dies unkommentiert an. Diesen Zustand finde ich wahnsinnig irritierend! Und dieser Gedanke ist grundlegend für die „Bilderschlachten“.



CI: Die Thematik, die Sie ansprechen, wird auch in der musikalischen Komposition von Brigitta Muntendorf aufgegriffen, mit der Sie für diese Inszenierung eng zusammen gearbeitet haben: sie heißt „Sechs Stimmungen, Diktatoren zu versetzen“.



ST: Es ist zum einen die Komposition von Brigitta, die intelligent mit Überlagerungen und Verschiebungen arbeitet, mit Protest und Abschied, und die die zentrale und außergewöhnliche Komposition von Bernd Alois Zimmermann „Musique pour les soupers du Roi Ubu“ (1968) als Ausgangspunkt nimmt. Die Figur des Ubu – ein von Alfred Jarry erfundener Usurpator – passt in diese Gedankenwelt natürlich wahnsinnig gut rein: Ubu, der in dem erfundenen Land, in dem er lebte, alle „wichtigen Männer“ zu einem Dinner eingeladen und sie zielgerichtet ins Jenseits befördert hat ... sich ihrer sozusagen entledigt und ihrer Macht ermächtigt hat. Zimmermann hat in seiner Umsetzung Tableaus entwickelt, die Samples von musikalischen Vorgängern und Zeitgenossen kontrastiert. Mit dieser Verdichtung von Zitaten stellt er den Alleinherrschenden, aber auch das Genie, in Frage. Das Arbeiten mit Versatzstücken, das so auch später in der Popmusik aufkam, finde ich sehr spannend, insbesondere vor dem Hintergrund, dass auch Brigitta und ich den Genie-Begriff in Frage stellen. Wir arbeiten sehr stark im Dialog, sowohl untereinander, als auch mit den Künstler*innen: in einem offenen Prozess des Austauschs. So greifen wir in den „Bilderschlachten“ bewusst auf Versatzstücke der Tanz- und Musik-Geschichte zurück und kontextualisieren diese neu – als ein Rückgriff auf das Gegebene, dem Schrei nach Innovation und „Neu Neu Neu“ nicht hinterherkommend ... aber natürlich entsteht auch dabei etwas Neues. Um auf die Gegenüberstellung des Opulenten und der Stille zurück zu kommen: Um das „Viel“ zu reklamieren und darzustellen haben wir immer wieder auch mit sehr feinen und leichten Bewegung und Klängen gearbeitet, die mit der Sensibilität der Performer*innen in Bezug stehen und so durch die Stille die Territorien durchbrechen.



CI: Das Rituelle, verkörpert durch gemeinschaftliche Praktiken, und das Individuelle durchdringen sich sehr häufig in den „Bilderschlachten“. Welche Bedeutung erhält (hier) Individualität, um überhaupt Teil der Gemeinschaft sein zu können? Zeigen oder formulieren die „Bilderschlachten“ ein mögliches Szenario für Gemeinschaften der Zukunft?



ST: Ja! (Lachen)  Wir gehen in den „Bilderschlachten“ durch verschiedene Phasen, gegliedert in drei große Kapitel. Das erste ist das Bild einer „luftigen“, utopischen Gesellschaft, die umeinander fliegt: wo man die/den Einzelne*n sieht, auch in Begegnungen, doch ohne aufzuprallen. Wir haben uns für die Interpretation dieser Interaktion das planetare System als Vorbild genommen – den Gedanken einer in sich funktionierenden, rotierenden Sternenkonstellation. Von diesem Bild kommen wir dann im zweiten Tableau in eine starke Zweidimensionalität, mit der Frage: Was passiert, wenn man von Außen auf dieses Szenario schaut; wenn das, auf das man guckt, bestimmte Forderungen hat? Wie beispielsweise die Repräsentation und Darstellung: Ich möchte überzeugen, ich möchte verführen, lenken, manipulieren ... Was passiert dann? Im dritten Bild treten die Darsteller*innen hervor, obwohl sie sich immer in der Gruppe bewegen: Es ist sinnbildlich eine Verabschiedung des Systems. Das Buch „Staying with the Trouble“ [dt. „Unruhig bleiben“] von Donna Haraway hat mir hier als Vorlage gedient. „Trouble“ interpretiert sie nach der Bedeutung des Wortes im Französischen: im Nebel bleiben, im Dunst, in der Unklarheit. Darin sagt sie: Um Systeme loszuwerden, muss man trauern, sich verabschieden. Sie vertritt die These, dass uns das Trauern komplett abhanden gekommen ist, dass wir primär rein kognitive Beziehungen pflegen. Wenn wir zum Beispiel konfrontiert werden mit Kriegen, dem Klimawandel, dem Aussterben der Arten oder wenn wir ganze Wälder abbrennen sehen, nehmen wir dies nach Haraway pragmatisch wahr, nicht aber mehr mit einem Gefühl: Wir wissen, dass es nicht richtig ist, aber heulen deshalb nicht. Haraway plädiert dafür, dass wir das Trauern wieder erlernen müssen – eine Verbindung, die viele Völker zu Dingen, die Umgebung ausmachen, haben, und die wir wieder aufnehmen müssen, wenn wir einen respektvollen Umgang miteinander haben wollen. Das heißt: Wir müssen durch eine Phase der Trauer gehen. Wir funktionieren nicht nur kognitiv, nicht nur theoretisch. Diese These finden Brigitta und ich sehr wichtig und so ist sie für uns zu einem Aufhänger in den „Bilderschlachten“ geworden – wieder zu erlernen zu spüren, um handeln zu können. Damit werden wir uns auch in unserer nächsten gemeinsamen Produktion beschäftigen, die wir aktuell für die Ruhrtriennale 2020 vorbereiten.



CI: Ist das Stück „Bilderschlachten“ ein Plädoyer für (menschliches) Handeln respektive eine Einladung, um miteinander zu handeln?



ST: Ja, natürlich, das steckt mit drin. Es geht nicht primär um eine Botschaft, sondern um Raum, den man – wie in diesem Fall – für eineinhalb Stunden miteinander teilt.

Brigitta und ich haben begonnen miteinander zu arbeiten, um zunächst für uns neue Formen des Interagierens zu finden: das heißt Musik und Choreografie von Anfang an zusammen zu denken, so mit den „Bilderschlachten“ gemeinsam  eine Partitur zu schreiben. Brigitta war oft in den Proben, hat musikalische Skizzen vorgeschlagen, worauf die Tänzer*innen reagiert und Vorschläge für die Komposition gemacht haben ... Rhythmusreihen, Stimmreihen, Atmosphären ... Für die Musiker*innen verändert sich zum Beispiel das Spiel, die körperliche Erfahrung, der Bezug zum Raum – für die Tänzer*innen wird durch das Live-Spiel der Klang ganz physisch wahrnehmbar. Es gibt Momente, die fließen ineinander, wer ist Musiker*in, wer Performer*in? Auch das Orchester kommt auf die Bühne. Wir begreifen den Theaterraum hier als einen  Raum, in den auch das Publikum mit hineingenommen wird. Generell sind theatrale Räume für mich Reflexionsräume, im besten Fall auch emotionale Räume, in denen man einem Thema begegnen kann; die Schlussfolgerungen daraus sind natürlich immer sehr individuell. Mich persönlich treibt gerade die Frage an, in welche Richtungen Gesellschaften gehen und ob wir Gesellschaft weltlich denken können.



Mouvoir, Bilderschlachten, Foto: La French Focale



Choreografie/Regie: Stephanie Thiersch
Musikregie/Komposition: Brigitta Muntendorf
Les Siècles Orchester/Dirigent: Benjamin Shwartz
Asasello Quartett: Rostislav Kozhevnikov (1. Violine), Barbara Streil (2. Violine), Teemu Myöhänen (Cello), Justyna Śliwa (Viola)
Lichtdesign: Begoña Garcia Navas
Choreografie/Performance: Fabien Almakiewicz, Neus Barcons, Alexis ‚Maca’ Fernández, Julien Ferranti, Gyung Moo Kim, Alexandra Naudet, Camille Revol, Joel Suárez Gómez
Choreografische Assistenz: Marcela Ruíz Quintero
Kostüm: Sita Messer
Kostümassistenz: João Lamego
Outside Eye: Stawrula Panagiotaki, Fabrice Ramalignom
Fotografie: La French Focale
Produktionsleitung: Karolin Henze, Anna-Mareen Henke
Management: Tanja Baran, Béla Bisom


In Koproduktion mit: Théâtre de Nîmes (F), Beethovenfest Bonn, tanzhaus nrw Düsseldorf, ensemblenetzwerk Freihandelszone

In Kooperation mit: Brigitta Muntendorf, dem Asasello Quartett und dem Orchester Les Siècles

Komposition: Bernd-Alois Zimmermann „Musique pour le souper du Roi Ubu” (1968) / Brigitta Muntendorf “Sechs Stimmungen, Diktatoren zu versetzen” (2018/19)

Gefördert durch: die Kulturstiftung des Bundes, Kunststiftung NRW , Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, RheinEnergieStiftung Kultur, Kulturamt der Stadt Köln. Dieses Projekt ist Teil des Residenzprogramms schloss bröllin e.V., unterstützt durch das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern und dem Landkreis Vorpommern-Greifswald.



Bilderschlachten, Foto: Sandy Korzekwa




tanznetz, 11.05.2019 >